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… denn wir wissen nicht, was wir tun (Danke, James Dean)

Weltwahrnehmung, Kognition und Evidenz

Hand aufs Herz: es war schon etwas verstörend, in der Corona-Krise zu erleben, wie zahlreich in der Umweltbildungsszene Verschwörungstheoretiker, Impfgegnerinnen und Covid-Leugner zu finden waren. Warum sind wir so anfällig für Esoterik und andere Ideologien, die einem Faktencheck nicht wirklich standhalten?

Es gibt dafür mehrere Gründe. Einerseits haben sich die meisten von uns viel zu wenig damit auseinandergesetzt, wie wir Menschen überhaupt Welt wahrnehmen und wie unser Gehirn funktioniert. Unsere subjektive Wahrnehmung und unser Alltagsdenken sind aufgrund einer Vielzahl von Verzerrungen, Neigungen und Vorurteilen meist nicht ohne tiefgreifende Lernprozesse in der Lage, Welt angemessen zu verstehen.[1] Wir fallen ohne zu zögern in unreflektiertes Denken, Intuition oder emotionale Reaktionen zurück. Andererseits haben wir oft nur eine vage Idee, wie verlässliches Wissen überhaupt generiert werden kann. Ich habe beide Sachverhalte in meinem letzten Buch ausführlich dargestellt (Jucker, R. (2021). Can We Cope with the Complexity of Reality? Why Craving Easy Answers Is at the Root of our ProblemsCan We Cope with the Complexity of Reality? Why Craving Easy Answers Is at the Root of our Problems). Hier genügt uns die Erkenntnis, dass ganz im Gegensatz zum verfügbaren Wissen die „Arrogance of Ignorance“[2] in Zeiten von SocialMedia und Internet-Informationsüberflutung zunehmend lautstark und unbelehrbar auftritt.

Erschwerend kommt dazu, dass sich der gesamte Bildungsbereich über lange Zeit einen Deut um Evidenzbasierung geschert hat. Viele der Theorien, mit denen wir in der (Umwelt-) Bildung arbeiten, wurden nie ernsthaft daraufhin überprüft, ob das zugrundeliegende Menschenbild oder die Annahmen zu Mensch-Umwelt-Interaktionen überhaupt mit dem aktuellen Wissensstand korrelieren. Wie wollen wir aber mit den komplexen Herausforderungen unserer Welt sinnvoll umgehen, wenn wir diese Welt nicht adäquat verstehen? Es reicht eben nicht, wenn Kinder (und Erwachsene) im Wald wunderbare Erlebnisse haben und mit strahlenden Augen nach Hause kommen. Wenn sie im Laufe dieser Erfahrungen mentale Modelle und Ideen über die Welt aufgebaut haben, die im besten Fall ungenau, im schlimmsten Fall aber schlicht falsch und kontraproduktiv sind, dann sind wir selbst mit Lernen in der Natur keinen Schritt weiter.

Diesem Tatbestand wollten wir bei SILVIVA etwas entgegensetzen. In Kooperation mit Dr. Jakob von Au von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg und über 80 Expert*innen aus der ganzen Welt haben wir zwei neue Sammelbände herausgegeben, welche die wichtigsten Forschungsresultate und Argumente versammeln, warum «Draussenlernen» ein zentrales Element einer zukunftsfähigen Bildung sein muss. Die beiden Bücher sind bis auf wenige Artikel völlig unterschiedlich, da sie auf die sehr verschiedenen Forschungstraditionen im internationalen und deutschsprachigen Raum Rücksicht nehmen. Zusammengenommen stellen sie ein einzigartiges Argumentarium dar:

 

978 3 031 04107 5 Jucker Von Au High Quality Outdoor Learning Cover Der englische Band «High Quality Outdoor Learning: Evidence-based Education Outside the Classroom for Children, Teachers and Society» hat den expliziten Anspruch, ein ‘best of’ der internationalen Forschungsresultate zu «Draussenlernen» zu sein. Der englische Band ist Open Access, kann also online gratis gelesen und heruntergeladen werden. >>>
Von Au Jucker Draußenlernen Umschlag Der deutsche Band «Draussenlernen. Neue Forschungsergebnisse und Praxiseinblicke für eine Bildung für nachhaltige Entwicklung» bildet in seiner Fülle die Breite der Praxis ab. >>>

Argumente, wissenschaftliche Grundlagen und Fallbeispiele

Beide Bände zeigen differenziert auf, wie Lernen in der realen Welt außerhalb des Klassenzimmers dazu beiträgt, die Potentialentfaltung der Lernenden möglichst gut zu fördern. Sie belegen die vielfältigen Vorteile von Draussenlernen für kognitives Verstehen, soziale Kompetenzen, persönliche und emotionale Entwicklung, psychologisches Wohlbefinden sowie körperliche Aktivität und Gesundheit.

Gebündeltes Wissen für Fachleute, Entscheidungsträgerinnen und Multiplikatoren

Wichtiger Antrieb für die Publikationen war, die verfügbaren Erkenntnisse über die Wirkung von Draussenlernen gebündelt darzustellen. Die Bände richten sich bewusst nicht an Lehrpersonen, die praktisch draussen arbeiten wollen (dafür gibt es ja das Handbuch «Draussen unterrichten»), sondern an vertieft Interessierte, die sich mit den Grundlagen auseinandersetzen wollen, also Fachleute in Bildungsverwaltung und -politik, an Pädagogischen Hochschulen, Lehrpersonen, professionelle Ausbilder*innen und Multiplikator*innen, die Teams von Bildungs-NGOs schulen. Ihnen allen soll die Lektüre solide Argumente in die Hand geben, sodass Draussenlernen zu einem selbstverständlichen Element der Bildungslaufbahn aller Kinder wird.

Lernen als Organisation

SILVIVA-intern sind die Bücher wichtige Arbeitsinstrumente für die Überarbeitung und Anpassung unsere Angebote an Evidenz sowie für die Weiterbildung von Multiplikator*innen.

 

Wir hoffen nun, dass diese beiden Grundlagenwerke Euch allen dabei helfen, Eure Arbeit selbstkritisch zu reflektieren, weiterzuentwickeln und längerfristig evidenz-basierter zu gestalten.

Rolf Jucker, Geschäftsleiter SILVIVA, rolf.jucker@silviva.ch

 


[1] Kahneman, D. (2011). Thinking, Fast and Slow. New York: Farrar, Straus and Giroux; Kahneman, D., Sibony, O., Sunstein, C.R. (2021). Noise: A Flaw in Human Judgment. New York: Little, Brown Spark; Obrecht, W. (2009). Die Struktur professionellen Wissens. In: Roland Becker-Lenz et al. (Hrsg.): Professionalität in der Sozialen Arbeit. Standpunkte, Kontroversen, Perspektiven, S. 47-72. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

[2] Leiva, S.P. (2012). The Arrogance of Ignorance – The Authority of Knowledge. The Huffington Post, 2. Dezember 2012. https://www.huffpost.com/entry/the-arrogance-of-ignoranc_b_1930595. Zugriff 24.08.2022.